Wissenschaft >< Urheberrecht?

Folien zum Vortrag, gehalten am 5.6.2012, Universitätsbibliothek Marburg

 

 

Grundbegriffe

 

 

Die sich gegenüberstehenden Grundrechtspositionen

 

 Nutzerrechte

  • Meinungs- und Informationsfreiheit, Art. 5 Abs. 1 GG Schranke: allg. Gesetze, Art. 5 Abs. 2, dazu gehört das UrhG
  • Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei (Art. 5 III): nur verfassungsimmanente Schranken
 
Urheber und sonstige Rechtsinhaber
  • Eigentumsgarantie Art. 14 Abs. 1 GG
  • Inhalt und Schranken werden durch die Gesetze bestimmt
  • Sozialbindung, Art. 14 Abs. 2
 
 
 

Urheberrecht als Eigentum

 

  • Kein vorgegebener und absoluter Begriff des urheberrechtlichen Eigentums
  • Es ist Aufgabe des Gesetzgebers, im Rahmen von Art. 14 Abs. 1 S. 2 GG Inhalt und Schranken der vermögensrechtlichen Befugnisse des Urhebers zu definieren
  • „grundsätzliche Zuordnung des vermögenswerten Ergebnisses der schöpferischen Leistung an den Urheber im Wege privatrechtlicher Normierung und seine Freiheit, in eigener Verantwortung darüber verfügen zu können“

 (BVerfGE 31, 229)

 

 

Sozialbindung des Urhebers

 

„[Es ist grundlegend zu beachten], dass mit der Veröffentlichung ein Werk nicht mehr allein seinem Inhaber zur Verfügung steht. Vielmehr tritt es bestimmungsgemäß in den gesellschaftlichen Raum und kann damit zu einem eigenständigen, das kulturelle und geistige Bild der Zeit mitbestimmenden Faktor werden. Es löst sich mit der Zeit von der privatrechtlichen Verfügbarkeit und wird geistiges und kulturelles Allgemeingut (BVerfGE 79,29 [42]). Dies ist einerseits die innere Rechtfertigung für die zeitliche Begrenzung des Urheberschutzes, andererseits führt dieser Umstand auch dazu, dass das Werk umso stärker als Anknüpfungspunkt für eine künstlerische Auseinandersetzung dienen kann, je mehr es seine gewünschte gesellschaftliche Rolle erfüllt…“

(BVerfG, Urt. v. 29.6.2000 – 1 BvR 825/98, http://lexetius.com/2000,1056, http://lexetius.com/2000,1056)

 

 

Verfassung der USA (Section 8)

 

“The Congress shall have power to promote the progress of science and useful arts, by securing for limited times to authors and inventors the exclusive right to their respective writings and discoveries”.

 

 

Begründung der EU-Datenbankrichtlinie (1996)

 

„Investitionen in moderne Datenspeicher- und Datenverarbeitungssysteme werden in der Gemeinschaft nur dann in dem gebotenen Umfang stattfinden, wenn ein solides, einheitliches System zum Schutz der Rechte der Hersteller von Datenbanken geschaffen wird.“

 

 

Evaluation of EU rules on databases (2005)

 

“  On the basis of the information available, the evaluation finds that the economic impact of the “sui generis” right on database production is unproven.

  However, the European publishing industry, consulted in the online survey, argued that “sui generis” protection is crucial to the continued success of their activities. …”

(Quelle: Pressemitteilung der Kommission)

 

 

Beschränkungen des Urheberrechts

 

  • Absolute Begrenzung der Schutzdauer
  • Erschöpfung
  • Auslegung der Vorschriften, die zustimmungspflichtige Handlungen definieren
  • Nicht zustimmungspflichtige Handlungen, Bsp: Freie Benutzung (§ 24 UrhG)
  • Schranken (§§ 44a ff. UrhG), Bsp: Zitatrecht; Privatkopie
  • keine Generalklausel

 

 

17 USC § 107: Fair Use

 

“The fair use of a copyrighted work (…), for purposes such as criticism, comment, news reporting, teaching (including multiple copies for classroom use), scholarship, or research, is not an infringement of copyright. In determining whether the use made of a work in any particular case is a fair use the factors to be considered shall include—

  (1) the purpose and character of the use, including whether such use is of a commercial nature or is for nonprofit educational purposes;

  (2) the nature of the copyrighted work;

  (3) the amount and substantiality of the portion used in relation to the copyrighted work as a whole; and

  (4) the effect of the use upon the potential market for or value of the copyrighted work.”

 
 

Entwicklung seit 1994

 

1994: TRIPs

 

  • „Trade-related aspects of intellectual property rights“
  • Anhang zu WTO-Vereinbarungen
  • Art. 9: WTO-Mitglieder befolgen die Berner Übereinkunft (RBÜ)
  • Art. 13 TRIPs: Drei-Stufen-Test (alle Immaterialgüterrechte)

 

 

Drei-Stufen Test (Art. 9 (2) RBÜ)

 

Der Gesetzgebung der Verbandsländer bleibt vorbehalten, die Vervielfältigung

  • in gewissen Sonderfällen unter der Voraussetzung zu gestatten, daß
  • eine solche Vervielfältigung weder die normale Auswertung des Werkes beeinträchtigt
  • noch die berechtigten Interessen des Urhebers unzumutbar verletzt.

(Anm.: nicht zu verwechseln mit dem Drei-Stufen-Test für die Zulässigkeit von Telemedienangeboten öff.-rechtlicher Rundfunkanstalten!)

 

 

Der Drei-Stufen-Test im deutschen Recht

 

„Die als völkerrechtlicher Vertrag geschlossene Berner Übereinkunft hat zwar innerstaatlich kein übergeordnetes internationales Gemeinschaftsrecht begründet; dementsprechend hat auch Art. 9 RBÜ aufgrund des Zustimmungsgesetzes zur Pariser Fassung der Berner Übereinkunft innerstaatlich den Rang eines einfachen Gesetzes. Dies ändert nichts daran, dass Art. 9 Abs. 2 RBÜ der entscheidende Maßstab für die Anwendung der einschlägigen Vorschriften des Urheberrechtsgesetzes zu entnehmen ist. Dies gilt bereits deshalb, weil das inländische Urheberrecht nach allgemeiner Meinung konventionsfreundlich auszulegen ist.“

(BGH, Urt. v. 25.2.1999 – I ZR 118/96 („Kopienversanddienst“), http://lexetius.com/1999,808)

 
 
 

WIPO Copyright Treaty (1996)

 

  • Recht der öffentlichen Zugänglichmachung („making available“)
  • Urheberrechtsschutz für Datenbankwerke und Computerprogramme
  • Drei-Stufen-Test (Art. 10) mit Erläuterung: “It is understood that the provisions of Article 10 permit Contracting Parties to carry forward and appropriately extend into the digital environment limitations and exceptions in their national laws which have been considered acceptable under the Berne Convention. Similarly, these provisions should be understood to permit Contracting Parties to devise new exceptions and limitations that are appropriate in the digital network environment.”
  • Schutz gegen Umgehung technischer Zugangskontrollen und Schutzmechanismen

 

 

1998: Digital Millenium Copyright Act (USA)

 

Verbot der Umgehung von Zugangskontrollen und technischen Schutzmaßnahmen (sections 1201 ff. Copyright Act)
 
„Safe harbors“ für Diensteanbieter

Voraussetzung: Befolgung der „notice and takedown“ procedures, section 512 Copyright Act (CA)

 

 

2000: RL 2000/31/EG („Ecommerce-Richtlinie“)

 

  • Informationspflichten für Internet-Diensteanbieter
  • Caching zulässig
  • Haftungsprivilegierung bei reiner Durchleitung
  • Haftungsprivilegierung für Hosting-Anbieter, sofern rechtswidrige Tätigkeit der Nutzer oder RW der gespeicherten Information nicht offensichtlich und Anbieter wird nach Erlangung der Kenntnis unverzüglich tätig
  • Keine allgemeine Verpflichtung von Internet-Diensteanbietern, die von ihnen übermittelten oder gespeicherten Informationen zu überwachen oder aktiv nach Umständen zu forschen, die auf eine rechtswidrige Tätigkeit hinweisen

 

 

Umsetzung eCommerce-RL

 

  • Informationspflichten, Haftungsprivilegien: Telemediengesetz (TMG)
  • Vorübergehende Vervielfältigungen: UrhG

 

 

 

2001: RL 2001/29/EG (InfoSoc-RL)

 

  • Stets hohes Schutzniveau erforderlich, um geistiges Schaffen und Florieren der entsprechenden Wirtschaftszweige zu bewirken (Erw.gr. 9ff.)
  • Zweck auch Umsetzung WIPO-Verträge
  • Europaweite Erschöpfung (Art. 4), aber keine digitale Erschöpfung
  • Verbot der Umgehung technischer Schutzmaßnahmen
  • Umfängliche Regelung von Ausnahmen und Beschränkungen (Art. 5, Erw.gr. 31 ff.))
  • Vorrang techn. Schutzmaßnahmen ggü Privatkopie, aber Ausgleich zwischen Rechtsinhabern und Nutzern erwünscht
  • Drei-Stufen-Test: wg. gesteigerter wirtschaftlicher Bedeutung von Schranken mglw. noch strenger (Erw.gr.44)

 

 

 

2004: RL 2004/48/EG über die Durchsetzung der Rechte des Geistigen Eigentums

 

 

 

Konfliktfeld Filesharing

 

2001 A&M Records, Inc. v. Napster, Inc., 239 F.3d 1004 (2001): 100% Kontrolle erforderlich
 
2005 MGM Studios, Inc. v. Grokster, Ltd. 545 U.S. 913 (2005)

  U. S. Supreme Court: “We hold that one who distributes a   device with the   object of promoting its use to infringe   copyright, as shown by clear expression or other affirmative   steps taken to foster infringement, is liable for the resulting   acts of infringement by third parties.”

2001 Gründung von Creative Commons

http://www.the-future-of-ideas.com/download/

http://www.ted.com/talks/larry_lessig_says_the_law_is_strangling_creativity.html

 

 

 

Konfliktfelder Wissenschaftsschranken und Open Access

 

  • 2003 Berliner Erklärung zum Open Access
  • 2008 Erklärung gemäßigter Urheberrechtler zum Drei-Stufen-Test http://www.ip.mpg.de/files/pdf2/declaration_three_step_test_final_deutsch1.pdf
  • Hilty GRUR Int. 2006, 179 („Das Urheberrecht und der Wissenschaftler“); GRUR 2009, 633 („Renaissance der Zwangslizenzen im Urheberrecht? Gedanken zu Ungereimtheiten auf der urheberrechtlichen Wertschöpfungskette“)
  • Gounalakis NJW 2007, 36 („Ein neuer Morgen für den Wissenschaftsparagrafen: Geistiges Eigentum weiter in Piratenhand“)

 

 

 

Änderungen des deutschen UrhG

 

2002 Urhebervertragsgesetz (Recht auf angemessene Vergütung)
 
2003 Erster Korb (Zugänglichmachung 19a, Schrankenregelungen, techn. Schutzmaßnahmen 95a-d)
 
2008 Zweiter Korb (http://dejure.org/aenderungen/synopse-UrhG-2008.html)
  • Regelung Rechteeinräumung für unbekannte Nutzungsarten, beachte insbes. insbes. § 137l UrhG
  • Änderungen/Ergänzungen von Schrankenregelungen
  • Privilegierung von Schulbüchern
  • Zitatrecht: Auffangklausel durch „insbesondere“
  • Keine Privatkopien von rechtswidrig öffentlich zugänglich gemachten (nicht nur rw. hergestellten) Kopien
  • § 53 Abs. 3: zus. VS „zur Veranschaulichung des Unterrichts“
  • § 53a: Kopienversand auf Bestellung
  • § 53b UrhG
  • Geräteabgabe
 
Seit 2006 Berücksichtigung der Durchsetzungs-Richtlinie durch Auslegung bestehender Normen (Auskunftsansprüche, einstweiliger Rechtsschutz) und das Gesetz zur besseren Durchsetzung geistigen Eigentums” (2008)
 
 
 
 
 
 

 Exkurs: Gebührenfinanzierter Rundfunk und Internet

 

12. Rundfunkänderungsstaatsvertrag (2009):

„Rundfunk ist ein linearer Informations- und Kommunikationsdienst; er ist die für die Allgemeinheit und zum zeitgleichen Empfang bestimmte Veranstaltung und Verbreitung von Angeboten in Bewegtbild oder Ton entlang eines Sendeplans unter Benutzung elektromagnetischer Schwingungen.“

 

Kritik: Ruth Hieronymi, Der Rundfunkbegriff im 12. und 13. Rundfunkänderungsstaatsvertrag im Verhältnis zur Richtlinie für Audiovisuelle Mediendienste

Folgen:

  • Angebote der Sender im Internet kein Rundfunk
  • Internetangebote = Telemedienangebote
  • Telemedienangebote der gebührenfinanzierten Sender nur unter besonderen Voraussetzungen zulässig
  • Verweildauer zulässiger Angebote im Internet verkürzt sich
  • Neue Telemedienangebote sind einem Test im Hinblick auf ihre Vereinbarkeit mit dem Programmauftrag zu unterziehen
  • vgl. § 11d und Anlage dazu, 11 f RStV),

 

 

 

 

Einzelne Begrenzungen und Schranken

 

 
 
 

Begriff der “freien Benutzung” (§ 24 UrhG) lt BGH

 
  • Hinreichender Abstand des neuen Werkes zu den eigenpersönlichen Zügen des benutzten Werkes erforderlich
  • Angesichts der Eigenart des neuen Werkes müssen die entlehnten eigenpersönlichen Züge des geschützten älteren Werkes verblassen
 
BGH, Urt. v. 01.12.2010, Az. I ZR 12/08 („Perlentaucher“):
 
  • Urheberrechtlicher Schutz der Buchrezension gilt nicht dem Inhalt, sondern der Form/den Formulierungen
  • Inhalt darf mitgeteilt werden
  • Übernahme markanter Formulierungen jedoch unzulässig, wenn die übernommenen Stellen einen großen Teil der Zusammenfassung ausmachen
  • Kürzung ist allein nicht hinreichend schöpferisch
 
 
 
 
 

Exkurs: Urheberrechtlicher Schutz sehr kurzer Wortfolgen

 
  • EuGH, Urt. v. 16.07.2009, Az. C-5-08 „Infopaq I“: u. U. Urheberrechtsschutz für 11 Wörter (Frage des Einzelfalls)
  • Aber BGH („Perlentaucher“): sehr kleine Teile eines Sprachwerkes – wie einzelne Wörter oder knappe Wortfolgen – meist für sich genommen nicht hinreichend individuell

 

 

 

§ 51 UrhG: Zitate

 

BGH v. 13.04.2000 – I ZR 282/97 („Kalkofes Mattscheibe“):

a) Eine freie Benutzung geschützter Laufbilder aus einer Fernsehshow kann auch dann anzunehmen sein, wenn diese unverändert in eine Satire auf diese Show übernommen werden. Dabei kommt es – über die Anforderungen des § 24 UrhG hinaus – nicht darauf an, ob die Übernahmen “erforderlich” sind.

  b) Bei der Beurteilung einer Satire als selbständiges Werk ist es unerheblich, wie das Gelingen oder die inhaltliche Tendenz der darin gestalteten Kritik gewertet werden kann.

 

 

BGH, Urt. v. 20.12.2007 – I ZR 42/05 („TV Total“):
 

TV Total-Beitrag kein selbständiges Werk: § 24 (-)
 
Keine innere Verbindung zwischen der zitierten Stelle und eigenen Gedanken des Zitierenden: § 51 (-)

 

 

 

Karl Valentin und die Stochastik (LG München I vom 19. Januar 2005 – 21 O 312/05)

Vorlesungsskript “Einführung in die Stochastik”

  • Vorlesungsskript “Einführung in die Stochastik”
  • Unterkapitel der Einleitung: „Zufall bei Karl Valentin“
  • vollständige Wiedergabe zweier Sketche (“Der Zufall” und “Der übervorsichtige Hausverkäufer”); einer illustriert die subjektivistische Deutung des Begriffs Zufall und der andere das für die Finanzmathematik wichtige „seltene, aber teure Ereignis“
  • im Skript: zulässige Zitate
  • Aber keine öffentliche Zugänglichmachung im Internet ohne Zugangs- und Kopierbeschränkung
 
 
 
 

Elektronische Leseplätze: Umsetzung Art. 5 InfoSocRL in § 52b UrhG

 

  • Art. 5 III InfoSoc-RL: „Die Mitgliedstaaten können in den folgenden Fällen Ausnahmen oder Beschränkungen in Bezug auf die in den Artikeln 2 und 3 vorgesehenen Rechte vorsehen: (…) n) für die Nutzung von Werken und sonstigen Schutzgegenständen, für die keine Regelungen über Verkauf und Lizenzen gelten und die sich in den Sammlungen [von öffentlich zugänglichen Bibliotheken, Bildungseinrichtungen oder Museen oder von Archiven, die keinen unmittelbaren oder mittelbaren wirtschaftlichen oder kommerziellen Zweck verfolgen] befinden, durch ihre Wiedergabe oder Zugänglichmachung für einzelne Mitglieder der Öffentlichkeit zu Zwecken der Forschung und privater Studien auf eigens hierfür eingerichteten Terminals in den Räumlichkeiten der genannten Einrichtungen“;

 

  • § 52b UrhG: Zulässig ist, veröffentlichte Werke aus dem Bestand öffentlich zugänglicher Bibliotheken, Museen oder Archive, die keinen unmittelbar oder mittelbar wirtschaftlichen oder Erwerbszweck verfolgen, ausschließlich in den Räumen der jeweiligen Einrichtung an eigens dafür eingerichteten elektronischen Leseplätzen zur Forschung und für private Studien zugänglich zu machen, soweit dem keine vertraglichen Regelungen entgegenstehen. Es dürfen grundsätzlich nicht mehr Exemplare eines Werkes an den eingerichteten elektronischen Leseplätzen gleichzeitig zugänglich gemacht werden, als der Bestand der Einrichtung umfasst. Für die Zugänglichmachung ist eine angemessene Vergütung zu zahlen. Der Anspruch kann nur durch eine Verwertungsgesellschaft geltend gemacht werden.

 

OLG Frankfurt, 24.11.2009 – 11 U 40/09 (“Elektronische Leseplätze”)

 

  • Vervielfältigung durch Digitalisierung zulässig
  • Zugänglichmachung an elektronischen Leseplätzen zulässig
  • Bloße Möglichkeit des Abschlusses eines Lizenzvertrages beseitigt Privilegierung nicht
  • Aber Bib darf es Nutzer nicht ermöglichen, das Werk zu vervielfältigen (Ausdrucken, Abspeichern)

 

 

 

§ 52a UrhG Öffentliche Zugänglichmachung für Unterricht und Forschung

 

OLG Stuttgart, 4.4.2012 – 4 U 171/11 („elektronischer Semesterapparat“):

Zur Vertiefung des Stoffs eines Studienbriefs der Fernuniversität Hagen wurden 91 von ca. 500 Seiten eines geisteswissenschaftlichen Werkes für > 4000 Studenten als pdf zum Download (später nur noch zum Lesen) zur Verfügung gestellt.
 
OLG:
  • Nicht nur kleiner Werkteil
  • Diente nicht der Veranschaulichung im Unterricht, da der Verfasser des Skripts praktisch keine eigenen Ausführungen zum Thema machte und lediglich auf die Lektüre verwies
  • nicht geboten, da gesamte Pflichtlektüre

 

 

 

Einwilligung des Rechtsinhabers durch Gestattung der öffentlichen Zugänglichmachung

 

BGH v. 19.11.2011 – I ZR 140/10 („Vorschaubilder II“):
1. Eine (schlichte) Einwilligung in die Wiedergabe der Abbildung eines urheberrechtlich geschützten Werkes als Vorschaubild in Ergebnislisten von Bildersuchmaschinen liegt auch dann vor, wenn ein Dritter die Abbildung mit Zustimmung des Urhebers ins Internet eingestellt hat, ohne technische Vorkehrungen gegen ein Auffinden und Anzeigen dieser Abbildung durch Suchmaschinen zu treffen.

   2. Eine vom Urheber oder mit seiner Zustimmung von einem Dritten erklärte Einwilligung in die Wiedergabe der Abbildung eines Werkes als Vorschaubild erstreckt sich auch auf die Wiedergabe von Abbildungen dieses Werkes, die nicht vom Urheber oder mit seiner Zustimmung von einem Dritten ins Internet eingestellt worden sind (Fortführung von BGHZ 185, 291 = GRUR 2010, 628 – Vorschaubilder I).
 
 
 
 
 

  

 Datenbanken

 

  • Wichtig: Einzelne Elemente können daneben jeweils selbständigen urheberrechtlichen Schutz genießen
  • Sammelwerk (§ 4 I UrhG):  „Sammlungen von Werken, Daten oder anderen unabhängigen Elementen, die aufgrund der Auswahl oder Anordnung der Elemente eine persönliche geistige Schöpfung sind (Sammelwerke), werden (…) wie selbständige Werke geschützt.“
  • Datenbankwerk (§ 4 II UrhG): Datenbankwerk im Sinne dieses Gesetzes ist ein Sammelwerk, dessen Elemente systematisch oder methodisch angeordnet und einzeln mit Hilfe elektronischer Mittel oder auf andere Weise zugänglich sind. Ein zur Schaffung des Datenbankwerkes oder zur Ermöglichung des Zugangs zu dessen Elementen verwendetes Computerprogramm (§ 69a) ist nicht Bestandteil des Datenbankwerkes.

 

 

 

 

Datenbankrecht „sui generis“ (RL 96/96/EG, §§ 87a ff. UrhG)

 

Sammlung von Werken, Daten oder anderen unabhängigen Elementen,

  • die systematisch oder methodisch angeordnet
  • und einzeln mit Hilfe elektronischer Mittel oder auf andere Weise zugänglich sind
  • und deren Beschaffung, Überprüfung oder Darstellung eine nach Art oder Umfang wesentliche Investition erfordert.

 Schutzdauer: 15 Jahre (aber Erneuerung bei wesentlicher Änderung und neuen Investitionen)

 

 

Gegenstand des Schutzes (§§ 87b, 87e UrhG)

 

Vervielfältigung, Verbreitung und öffentliche Wiedergabe (RL: „Entnahme und Weiterverwendung“) wesentlicher Teile der Datenbank sowie unwesentlicher Teile, wenn

  • systematisch und wiederholt und
  • läuft normaler Auswertung der Datenbank zuwider oder beeinträchtigt berechtigte Interessen des Herstellers unzumutbar (kann nicht vertraglich zuG des Herstellers erweitert werden, vgl. § 87e UrhG)

 

 

 Begriffe der “Entnahme wesentlicher Teile”

 

EuGH v. 9.10.2008 – C-304/07 („Gedichttitelliste“): „Entnahme“ auch bei Übernahme wesentlichen Teils nach mehreren Einzelabfragen und Abwägung im Einzelnen (kein „Kopieren“ erforderlich)

EuGH, Urt. v. 5.3.2009 – C-545/07 (Apis/Lakorda): Auch amtliche/öffentlich zugängliche Elemente einer Datenbank sind bei der  Feststellung, ob ein „wesentlicher Teil“ übernommen wurde, zu berücksichtigen

(vgl. zum Thema auch § 5 UrhG und BGH, Beschluss v. 28.09.2006 – I ZR 261/03 („Sächsischer Ausschreibungsdienst“)

 

Schranken: § 87c UrhG

 

 

 

Gegenwärtige Diskussion

 

 

Zweitverwertungsrecht

SPD-Entwurf für einen neuen § 38a UrhG:

  „An wissenschaftlichen Beiträgen, die im Rahmen einer mindestens zur Hälfte mit öffentlichen Mitteln finanzierten Lehr- und Forschungstätigkeit entstanden sind und in Periodika oder Sammelwerken nach § 38 Absatz 2 erscheinen, hat der Urheber auch bei Einräumung eines ausschließlichen Nutzungsrechts das Recht, den Inhalt längstens nach Ablauf von sechs Monaten bei Periodika und von zwölf Monaten bei Sammelwerken seit der Erstveröffentlichung anderweitig nicht kommerziell öffentlich zugänglich zu machen. Die Zweitveröffentlichung ist in der Formatierung der Erstveröffentlichung zulässig; die Quelle der Erstveröffentlichung ist anzugeben. Ein dem Verleger eingeräumtes ausschließliches Nutzungs- recht bleibt im Übrigen unberührt. Eine zum Nachteil des Urhebers abweichende Vereinbarung ist unwirksam.“

 

Kritik an DFG und deren Stellungnahme dazu  

 

Leistungsschutzrecht für Presseverleger

 

Beschluss des Koalitionsausschusses von CDU, CSU und FDP, 4.3.2012:

 

Im Koalitionsvertrag ist vereinbart, dass Verlage im Online-Bereich nicht schlechter gestellt sein sollen als andere Werkvermittler. Deshalb sollen Hersteller von Presseerzeugnissen ein eigenes Leistungsschutzrecht für die redaktionell-technische Festlegung journalistischer Beiträge oder kleiner Teile hiervon erhalten.
 
Gewerbliche Anbieter im Netz, wie Suchmaschinenbetreiber und News-Aggregatoren, sollen künftig für die Verbreitung von Presseerzeugnissen (wie Zeitungsartikel) im Internet ein Entgelt an die Verlage zahlen. Damit werden die Presseverlage an den Gewinnen gewerblicher Internet-Dienste beteiligt, die diese – mit der bisher unentgeltlichen – Nutzung der Verlagserzeugnisse erzielen. Auch die Urheber sollen eine angemessene finanzielle Beteiligung an der Verwertung des Leistungsschutzrechts erhalten. Einzug und Verteilung der Entgelte soll über eine Verwertungsgesellschaft erfolgen. Die Schutzdauer soll ein Jahr betragen.
 
Die private Nutzung von Presseerzeugnissen im Internet wird nicht vergütungspflichtig, normale User werden also nicht betroffen sein. In der gewerblichen Wirtschaft bleiben das Lesen am Bildschirm, das Speichern und der Ausdruck von Presseerzeugnissen kostenfrei.
 
 
 
 

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