Die Zukunft von Museen und Archiven

Februar 25, 2010

Nachlese zum 7. COMMUNIA-Workshop

Am 1. und 2. Februar 2010 fand in der Luxemburger Nationalbibliothek der 7. öffentliche Workshop des COMMUNIA-Netzwerks statt. Am ersten Tag ging es vor allem um die Zukunft öffentlicher Museen, Bibliotheken und Archive, die im Augenblick besonders im Rahmen der Arbeit an dem europäischen digitalen Archiv Europeana kontrovers diskutiert wird. Hier geht’s zu den Abstracts.

Streit um das „Public Domain Manifest“

Das „Public Domain-Manifest“, das von COMMUNIA kürzlich veröffentlicht wurde, ist bei den an Europeana beteiligten Institutionen zum Teil auf scharfe Ablehnung gestoßen. Die Programmdirektorin von Europeana, Jill Cousins, nannte in ihrem Vortrag (Folien hier) das Manifest einen „Ruf zu den Waffen“ und äußerte die Hoffnung, dass eine im Ton moderatere Fassung als „Public Domain Charta“ konsensfähig sein werde. Sie fügte hinzu, dass viele kulturelle Institutionen ihrerseits auch Forderungen an die Nutzer hätten. Sie wünschten digitalisierte Versionen gemeinfreier Werke mit einem „Public Domain-Siegel“ (Public Domain kitemark) zu versehen. Dieses Siegel solle die Bitte der kulturellen Institutionen an die Nutzer symbolisieren, mit den in digitaler Form verfügbar gemachten Werken respektvoll umzugehen, sie nicht für politische oder Werbekampagnen zu missbrauchen und bei einer Nutzung im Internet auf die Seite der Institution zurückzuverlinken, wo das Werk in seinem Kontext betrachtet werden könne.

Überraschend fand ich, dass bereits der erste Grundsatz des Public Domain Manifests („Gemeinfreiheit ist die Regel, Urheberrechtsschutz die Ausnahme – The Public Domain is the rule, copyright protection is the exception)“ auf großen Widerstand bei den kulturellen Institutionen gestoßen ist. Dabei ist das ein Gemeinplatz. Offenbar entzündeten sich die Geister jedenfalls der beteiligten Juristen zum Teil daran, dass „exception“ auch ein urheberrechtlicher Fachbegriff ist (im Deutschen „Schranke“ des Urheberrechts). Im System des Urheberrechts bestimmen die gesetzlichen „Schranken“, ob und inwieweit der Urheberrechtsschutz geschützter Werke im Interesse der Allgemeinheit eingeschränkt wird. Im deutschen Urheberrechtsgesetz ist das in den Paragraphen 44a und fortfolgende geregelt; ein Beispiel für eine Urheberrechtsschranke ist etwa das Zitatrecht. Dass nun im Public Domain Manifest das Urheberrecht selbst als „Ausnahme“ für die oder „Schranke“ der Gemeinfreiheit bezeichnet wurde, erschien den Juristen daher schon aus terminologischen Gründen inakzeptabel. Die Verfasser des Public Domain Manifests wollten aber lediglich der Öffentlichkeit in allgemeinverständlicher Sprache in Erinnerung rufen, dass das Urheberrecht, auch wenn es vielfach als geistiges Eigentum bezeichnet wird, etwas anderes ist als das Eigentum an Gegenständen. Insbesondere wird es nur zeitlich begrenzt gewährt. Warum, hat zum Beispiel das Bundesverfassungsgericht in einer lesenswerten Entscheidung erläutert:

„[Es ist grundlegend zu beachten], dass mit der Veröffentlichung ein Werk nicht mehr allein seinem Inhaber zur Verfügung steht. Vielmehr tritt es bestimmungsgemäß in den gesellschaftlichen Raum und kann damit zu einem eigenständigen, das kulturelle und geistige Bild der Zeit mitbestimmenden Faktor werden. Es löst sich mit der Zeit von der privatrechtlichen Verfügbarkeit und wird geistiges und kulturelles Allgemeingut (BVerfGE 79,29 [42]). Dies ist einerseits die innere Rechtfertigung für die zeitliche Begrenzung des Urheberschutzes, andererseits führt dieser Umstand auch dazu, dass das Werk umso stärker als Anknüpfungspunkt für eine künstlerische Auseinandersetzung dienen kann, je mehr es seine gewünschte gesellschaftliche Rolle erfüllt…“

Das Gefangenen-Dilemma der kulturellen Institutionen

Nachvollziehbarer erscheint demgegenüber der Widerstand gegen eine zentrale Forderung des Manifests, wonach das, was in der analogen Welt gemeinfrei ist, auch in digitalisierter Form gemeinfrei bleiben muss. Paul Keller und Lucie Guibault, die maßgeblich an dem Manifest mitgearbeitet haben, führten als negative Beispiele u.a. den viel beachteten Fall der Londoner National Portrait Gallery an, die sich daran stört, dass ein eifriger Wikipedianer 3000 Abbildungen gemeinfreier Gemälde unter Umgehung technischer Schutzmaßnahmen in die Wikimedia Commons hochgeladen hat, sowie die Bibliothèque nationale de France, die die kommerzielle Nutzung von Abbildungen gemeinfreier Austellungsstücke verbiete –  auch von Fotos in niedriger Auflösung.

Grundlage dieser Praxis ist, dass in vielen Ländern – übrigens wohl nicht in den USA – an Fotos („Lichtbildwerken“) Rechte bestehen können, auch wenn das fotografierte Werk selbst gemeinfrei ist. Sind Digitalisate zudem Teil einer Datenbank, können daran außerdem nach europäischem Recht Datenbankrechte (in Deutschland umgesetzt in § 87a und folgende Urheberrechtsgesetz) bestehen.

Lionel Maurel, Bibliothekar an der Bibliothèque nationale de France (BnF) und wissenschaftlicher Koordinator für das französische digitale Archiv Gallica, hielt Keller und Guibault entgegen, dass die neuen Richtlinien der BnF für die Nutzung ihrer Digitalisate tatsächlich einen großen Fortschritt gegenüber den von den meisten kulturellen Institutionen Frankreichs sowie der BnF selbst bisher praktizierten Regeln darstellten. Denn immerhin sei nur die kommerzielle Nutzung der Digitalisate kostenpflichtig. Auf Nachfrage erklärte er, dass weniger ein Wunsch nach Kontrolle Grund für diese Regelung sei, sondern die Notwendigkeit für die chronisch unterfinanzierten kulturellen Institutionen, zumindest einen Teil der Kosten der Digitalisierung zu decken.

Die Programmdirektorin der Europeana, Jill Cousins, bezeichnete dies als das „Gefangenen-Dilemma“ der Kulturinstitutionen. Sie vertrat die Auffassung, dass man angesichts fehlender öffentlicher Mittel für die Digitalisierung notfalls als kleineres Übel in Kauf nehmen solle, dass die digitalen Archive erst in einigen Jahren frei zugänglich würden („don’t let the best be the enemy of the good“).

Damit plädierte sie dafür, kostenpflichtige Angebote der Bibliotheken jedenfalls für einen Übergangszeitraum zu akzeptieren. Dabei ließ sie offen, wie lang dieser Zeitraum sein sollte. Cousins plädierte auch für Pragmatismus bei Kooperationen mit kommerziellen Unternehmen wie Google: Auch dabei sollten Einschränkungen der Zugänglichkeit, ebenfalls für einen vorübergehenden Zeitraum, akzeptiert werden, damit die Digitalisierung überhaupt vorankomme. Ein Vertreter Googles, Antoine Aubert, European Policy Counsel für Google (zuvor in derselben Funktion für die Europäische Kommission tätig) betonte, dass Google den Zugang zu Kultur und Wissen verbessern wolle. Fragen aus dem Publikum, ob Google versucht habe, sich durch vertragliche Vereinbarungen mit Bibliotheken, deren gemeinfreie Werke Google digitalisiert, exklusive Rechte auf Digitalisate gemeinfreier Werke oder bibliographische Daten zu verschaffen, konnte Aubert nicht beantworten. Aus dem öffentlich gewordenen Vertrag zwischen Google und der Stadtbibliothek Lyon geht hervor, dass jedenfalls die kommerzielle Auswertung der Digitalisate für 25 Jahre exklusiv Google vorbehalten ist(S. 4), dies aber die Dienste der Bibliotheken gegenüber ihren Nutzern nicht beeinträchtigen soll.

Was Nutzer und kulturelle Institutionen bei der Debatte um die Zukunft von Archiven und Museen gelegentlich auf verschiedene Seiten treibt, ist letztlich der Umstand, dass die Unterfinanzierung der öffentlichen Digitalisierungsprojekte offenbar dauerhaft als unveränderliche Gegebenheit berücksichtigt werden muss. Leider gelten kulturelle und auch die meisten wissenschaftlichen Institutionen im Allgemeinen und Digitalisierungsprojekte im Besonderen nur als Zuschussprojekte, Kostgänger der öffentlichen Hand, Luxus, bloßes „nice to have“.

Das Argument, dass es tatsächlich um die Schaffung eines kostbaren Rohstoffs für die Verwirklichung einer wissensbasierten Gesellschaft – und auch um wirtschaftliches Wachstum – geht, kennt die Europäische Kommission zwar, aber Javier Hernandez-Roz, Leiter der Generaldirektion Informationsgesellschaft, forderte harte Zahlen als Beleg für den behaupteten volkswirtschaftlichen Nutzen. Wie bei vielen Gemeingütern ist die Bewertung der wirtschaftlichen Bedeutung der Public Domain allerdings sehr schwierig. Damit beschäftigen sich einige Mitglieder des COMMUNIA-Netzwerks, namentlich Rufus Pollock von der Universität Cambridge, der zugleich in der Open Knowledge Foundation aktiv ist. Aber auch die World Intellectual Property Organization (WIPO) hat vor kurzem ein breit angelegtes Forschungsprojekt zum Thema Intellectual Property and the Public Domain angekündigt, das sich mit dieser Frage beschäftigt. Da zumindest die schädlichen Verhinderungseffekte auf der Hand liegen, die dadurch entstehen, dass vielfach nicht sicher feststellbar ist, ob etwas gemeinfrei ist oder nicht, und ggf. Rechtsinhaber nicht oder nur zu hohen Kosten aufzufinden sind, will die WIPO insbesondere auch öffentliche und private Registrierungs- und Informationssysteme untersuchen, die Auskunft darüber geben, ob etwas gemeinfrei ist oder nicht und wer ggf. der Rechtsinhaber ist. Im Patentrecht seien verfügbare Informationen häufig zu unklar, im Urheberrecht erweise sich das völlige Fehlen eines Registrierungssystems  zunehmend als Problem. Es ist die Hauptursache dafür, dass es eine große Zahl von Werken gibt, deren Rechtsinhaber unbekannt oder verschollen sind sind (oft ungenau „orphan works, „verwaiste Werke“ genannt).

Um einen Teilbereich des europäischen Kulturguts, nämlich bibliographische Daten, ging es im Vortrag von Patrick Peiffer, Bibliothekar an der Luxemburger Nationalbibliothek und Koordinator des Teilprojekts „Lizenzen“ bei Europeana. Er berichtete, dass die an Europeana beteiligten Institutionen auch Rechte an ihren bibliographischen Daten geltend machten und derzeit darüber diskutierten, ob diese überhaupt freigegeben werden sollten und ob Europeana und/oder Dritten die kommerzielle Nutzung der Daten erlaubt werden sollte. Bei dieser Diskussion geht es nicht um die Inhalte der Europeana. Diese verbleiben auf den Servern der einzelnen Institutionen, die zu Europeana beitragen, und werden von Europeana aus nur verlinkt, evtl. werden dort verkleinerte Bilder als Vorschau (Thumbnails) zu sehen sein. Über die Nutzungsbedingungen für die Inhalte bestimmt somit jede einzelne teilnehmende kulturelle Institution gesondert und autonom. Die Nutzungsbedingungen für die bibliographischen (Meta-)Daten, die die einzelnen Objekte in den Sammlungen und Archiven beschreiben, sind demgegenüber Gegenstand von Verträgen, die zwischen Europeana und den mitwirkenden Institutionen derzeit ausgehandelt werden.

Mathias Schindler von Wikimedia Deutschland forderte einen möglichst freien Umgang mit Inhalten und bibliographischen Daten. Er schilderte den Erfolg der Kooperation zwischen Wikimedia und dem deutschen Bundesarchiv, bei der Zehntausende Bilder von historischem Interesse unter die auch von der Wikipedia verwendete freie Creative Commons-Lizenz „by-sharealike“ gestellt und in Wikimedia Commons zugänglich gemacht wurden. Die genannte Creative Commons-Lizenz gestattet jedermann die freie Nutzung auch für kommerzielle Zwecke, sofern Bearbeitungen wiederum unter derselben Lizenz zugänglich gemacht werden. Schindler berichtete, die Wikipedianer hätten die (wenigen) vorhandenen Daten über die Fotos angereichert und verbessert und neue Zuordnungen der Fotos ermöglicht. Er forderte insbesondere den freien Zugang zu bibliographischen Daten. Wikimedia erbitte diese immer wieder von Bibliotheken und Archiven und werde meist vertröstet mit der Begründung, die Daten seien qualitativ zu schlecht, um jetzt herausgegeben zu werden. Die Wikipedianer seien aber nicht daran interessiert, irgendwann in der Zukunft möglicherweise bessere Daten zu bekommen. Er forderte: Gebt uns eure Daten, gebt sie uns so, wie sie sind, und gebt sie uns jetzt sofort!

Damit befindet er sich auf einer Linie mit der europäischen Organisation für Kernforschung, CERN, die kürzlich ihre bibliographischen Daten freigab und zur Begründung erklärte:

“Books should only be catalogued once. Currently the public purse pays for having the same book catalogued over and over again. Librarians should act as they preach: data sets created through public funding should be made freely available to anyone interested. Open Access is natural for us, here at CERN we believe in openness and reuse. There is a tremendous potential. By getting academic libraries worldwide involved in this movement, it will lead to a natural atmosphere of sharing and reusing bibliographic data in a rich landscape of so-called mash-up services, where most of the actors who will be involved, both among the users and the providers, will not even be library users or librarians. Our action is made in the spirit of the Berlin Declaration on Open Access to Knowledge in the Sciences and Humanities; bibliographic data belongs to the cultural heritage. All other signatories should align their policy accordingly.”

Es ist sicher kein Zufall, dass es sich bei CERN um eine Organisation handelt, die noch nicht an Geldmangel leidet.

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