“Eines Exportweltmeisters unwürdig”

November 25, 2009

Mit einem aufrüttelnden programmatischen Vortrag präsentierte sich Karl-Heinz Streibich, Vorstandsvorsitzender der Software AG aus Darmstadt, auf dem HessenIT-Kongress 2009 als Vertreter einer von der Politik vernachlässigten Schlüsselindustrie und forderte insbesondere eine E-Government-Initiative.

Streibich beschrieb zunächst die Herausforderungen, denen die Wirtschaft – nicht nur die IT-Branche – durch Digitalisierung und Internet gegenüberstehe. Man befinde sich im Übergang vom Internet 2.0, das die Menschen vernetze, zum Internet 3.0, dem „Internet der Dinge“. Der Schwerpunkt der IT verschiebe sich von Kernanwendungen hin zu Geschäftsprozessen. Zugleich seien für den wirtschaftlichen Erfolg heute nicht mehr Produkte entscheidend, sondern Geschäftsmodelle und -prozesse. Eine besondere Herausforderung sei es, dass neue, starke Wettbewerber heute häufig ganz unerwartet entstünden. So habe vor einigen Jahren niemand erwartet, dass Google und Amazon einmal Konkurrenten von Microsoft und IBM werden würden.

Die Unternehmen müssten sich anpassen. Entscheidungen müssten in Echtzeit stattfinden, den einzelnen Mitarbeitern mehr Kompetenzen übertragen werden. Anwendungssilos müssten durch die Verwendung von Middleware aufgebrochen werden, dies könne aber nur ein Zwischenschritt sein. Der Trend gehe hin zur unternehmensübergreifenden Zusammenarbeit. Die jüngere Generation bringe die Voraussetzungen dafür mit; bestehende Unternehmensstrukturen wirkten auf sie bisher vielfach abschreckend.

Streibich ging dann auf die Lage der europäischen IT- und insbesondere der Softwarebranche ein und zeichnete ein schonungsloses Bild. Europa liege weit hinter den USA zurück. (Folien mit eindrucksvollen Fakten und Zahlen hier). Das Potenzial der IT-Branche als Wachstumsmotor werde bei weitem nicht ausgeschöpft.

Für eine positive Entwicklung der IT- und Softwarebranche sei es unbedingt notwendig, dass in Europa mehr große Unternehmen entstünden. Auch die Zusammenarbeit in Clustern sei sehr wichtig.

Streibich forderte mehr positive Impulse von der Politik. Mittel aus den Konjunkturförderungsprogrammen seien praktisch nur für die Anschaffung von Hardware und notleidende Projekte eingesetzt worden, bei der Software-Industrie sei nichts angekommen. (Habe ich es nicht geahnt?) Großbritannien gebe 80% mehr für IKT aus als Deutschland. Im Bereich E-Government liege man einer Untersuchung der UN zufolge auf Platz 22. Dies sei eines Exportweltmeisters unwürdig. Der Staat müsse im Bereich E-Government eine Vorreiterrolle übernehmen.

Er hätte noch hinzufügen können, dass sowohl Großbritannien als auch die USA große E-Government und Open Data-Projekte gestartet haben. Der britische Premier Gordon Brown hat keinen Geringeren als Sir Tim Berners-Lee um seine Mitwirkung ersucht. In Deutschland wird dieses Thema den einzelnen Körperschaften bzw. einer Graswurzel-Initiative überlassen.

Mit den Schwerpunkten des Hessen IT-Kongresses – eHealth, Breitband, mobile Dienste – stimmte Streibichs Wunsch-Agenda nicht überein. Der hessische Wirtschaftsminister Posch konnte ihm leider nicht lauschen, da er wegen Terminen in Sachen Opel unabkömmlich war.

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