Konjunkturprogramm für die hessische IT-Industrie angekündigt

April 1, 2009

Die hessische Landesregierung unter Roland Koch hat ein weiteres Konjunkturprogramm angekündigt, um die Folgen der Finanz- und Wirtschaftskrise in Hessen zu mildern. Ministerpräsident Roland Koch wird heute gemeinsam mit Finanzminister Karlheinz Weimar, Wirtschaftsminister Dieter Posch sowie Kultusministerin Dorothea Henzler das hessische Sonderinvestitionsprogramm „Hessen 2.0“ vorstellen, das der IT- und Medienbranche zugute kommen soll, ein Gesamtvolumen von 1,7 Milliarden Euro umfasst und bereits in 2009 wirksam werden soll.

„Die Mittel aus dem Konjunkturprogramm des Bundes und dem bisherigen Sonderinvestitionsprogramm des Landes fließen hauptsächlich an die Automobil- und die Bauindustrie, und das ist auch gut so“, heißt es in der Pressemitteilung. Es sei aber wichtig, auch die IT-Branche als modernen, zukunftsträchtigen Wirtschaftssektor zu fördern. Ein Zusammenhang zwischen der Auflage des Programms und dem teilweisen Zusammenbruch der IT-Systeme des für die Abwrackprämie zuständigen Bundesamtes für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle in Eschborn, der vielfach als Sabotageakt der sich vernachlässigt fühlenden IT-Branche interpretiert wird, bestehe nicht.

Ein wichtiger Punkt des Programms ist, dass sämtliche nicht personenbezogenen Informationen und Inhalte aus dem öffentlichen Sektor (d. h. alles, was mit öffentlichen Mitteln gesammelt oder erstellt wurde) digitalisiert und so weit wie möglich in offenen Formaten im Internet auch zur Nutzung durch kommerzielle Diensteanbieter zur Verfügung gestellt werden sollen. „Dieses Programm ist kein hilfloser Aktionismus, sondern ein Instrument zur Umsetzung einer modernen Wirtschaftspolitik“, heißt es in der Presseerklärung. „Wir ermöglichen so die Entwicklung innovativer Dienstleistungen. Dienstleistungen sind ein neues und sehr wichtiges Standbein auch der hessischen Wirtschaft. Innovative und international wettbewerbsfähige Dienstleistungsunternehmen sind von besonderer Bedeutung für die Gesamtwirtschaft, weil sie andere Sektoren befruchten und auch dort Innovation ermöglichen. In Australien, den USA und Großbritannien hat man dies längst erkannt, es wird höchste Zeit, dass wir nachziehen.“ Es sei kein Zufall, dass etwa die Bilder amerikanischer Satelliten via Google Earth zur Grundlage neuer Mehrwertdienste werden konnten, während Europa zuschaue. „Darum setzt Hessen jetzt zumindest auf Landesebene ein Zeichen.“

Ein weiterer Punkt des Programms ist die Sicherung und weitgehende Digitalisierung der Bestände von Museen und Archiven. „Das Unglück von Köln, das nicht nur zwei Menschenleben gefordert, sondern auch unersetzliche Kulturgüter vernichtet hat, hat uns wachgerüttelt“ heißt es in der Presseerklärung. Es sei ein unhaltbarer Zustand, dass die Sicherung auch nur der wichtigsten historischen Dokumente Jahrzehnte dauere, weil nur eine Handvoll Leute damit beschäftigt sei, sie abzufotografieren, und alles andere gar nicht gesichert oder digitalisiert werde. Auch diese Inhalte sollen der Öffentlichkeit im Internet zugänglich gemacht und so weit wie möglich auch zur kommerziellen Nutzung freigegeben werden. Für dieses sehr arbeitsaufwendige Projekt sollen auch Arbeitslose zu fairen Löhnen eingesetzt werden. ——–

So etwas würde ich gern an einem anderen Tag als dem 1. April in der Zeitung lesen.

Aber… muss es ein Aprilscherz bleiben? Wer sagt denn, dass die Mittel aus den Konjunkturprogrammen nur in ökonomisch sinnlose Aktionen wie die Abwrackprämie fließen dürfen? Wer sagt, dass es unvermeidlich ist, dass große Teile unseres historischen und kulturellen Erbes – ganz langsam, aber immerhin – in den Magazinen von Bibliotheken und Archiven verrotten müssen, wo sie durch Unfälle zerstört werden können wie kürzlich das Kölner Stadtarchiv? Wer sagt, dass die mühsame Aufgabe der Sicherung und Digitalisierung zumindest der wichtigsten historischen Dokumente und Objekte in Museen nur von einer Handvoll Leute betrieben werden darf, die damit in Jahrzehnten nicht fertig werden?

Wo sind die Unternehmer? Melden Sie Ihre Forderungen an und begründen Sie sie mit den positiven Auswirkungen für die Gesamtwirtschaft. Einfache Version: Vielleicht würden Sie sich mit dem verdienten Geld ja dann auch mal ein Auto kaufen, vielleicht sogar einen O…. Anspruchsvollere Version: Verweisen Sie auf den Bericht „Venturous Australia“, der 2008 für den australischen Minister für Innovation, Wirtschaft, Wissenschaft und Forschung (interessanter Ressortmix übrigens) erstellt wurde, besonders S. 37ff, S. 52ff., 105ff., 115ff). Er ist hier (pdf) zu finden.

Wo sind die Museumskuratoren? Die Bibliothekare? Die Archivare? Können Sie mehr als über zu geringe Budgets klagen? Gehen Sie doch zu Ihren Direktoren und sagen Sie ihnen, dass sie den Entscheidern und der Öffentlichkeit klarmachen müssen, welche Schätze bei Ihnen liegen, die nutzbringend für die Forschung, die Kunst und ja, vielleicht auch kommerzielle Dienste genutzt werden könnten, wenn sie denn im digitalen Format vorlägen! Wenn die es nicht tun, tun Sie es selbst! Erklären Sie es Ihren Lesern und Besuchern, lassen Sie sie Petitionen unterschreiben, schreiben Sie Leserbriefe!

Wo sind die Kulturjournalisten? Fließen aus Ihrer Feder nur versnobte Artikel über Popkultur und Massenfernsehen? Veröffentlichen Sie dies an prominenter Stelle, oder schreiben Sie selbst etwas Besseres! Und erzählen Sie Ihren Kollegen vom Wirtschaftsteil davon!

Wo sind die Technik-Journalisten? Zeigen Sie doch mal, ob Sie auch allgemeinverständlich können! Und dann gehen Sie zu Ihren Kollegen vom Feuilleton und vom Wirtschaftsteil und schieben ihnen das Geschriebene unter!

Wo sind die Intellektuellen? Die Forscher? Die Schriftsteller? Die Künstler? Denken Sie sich kreative Arten aus, der Öffentlichkeit mitzuteilen, dass Sie hungrig sind auf die Inhalte, die derzeit ungenutzt bleiben, und dass Sie viel Spannendes damit anfangen könnten! (Ich gebe zu, das ist schwierig, wenn man nicht weiß, was überhaupt drin ist. Aber sind Sie nun kreativ oder nicht?)

Falls jemand in Frankfurt am Main an einem offenen Treffen interessiert ist, um über diese Themen zu diskutieren, melden Sie sich bitte, gern per Mail.

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